Ein kurzer Abriss der Psychoanalyse

Aus: Thomas Auchter u. Laura Viviana Strauss: „Kleines Wörterbuch der Psychoanalyse“ Göttingen (Vandenhoeck & Rupprecht) 1999

PsychoanalyseDie Psychoanalyse ist eine von dem Nervenarzt Sigmund Freud Ende des 19. Jahrhunderts in Wien begründete und seitdem ständig weiterentwickelte eigenständige Disziplin der Humanwissenschaften. Die unaufhörliche Weiterentwicklung wird schon im Werk von Freud selbst sichtbar, der lebenslang seine Konzepte und Theorien vorantrieb, ausbaute und, wenn nötig, revidierte.

Die Psychoanalyse verfügt über eine besondere eigene Untersuchungsmethode, eine differenzierte Persönlichkeits- und Entwicklungspsychologie (Metapsychologie), eine daraus abgeleitete umfassende Krankheitslehre und schließlich eine Behandlungsmethode, die in den verschiedenen Formen psychoanalytischer Psychotherapie ihre Anwendung findet.

Als Tiefenpsychologie interessiert sich die Psychoanalyse für das individuelle, immer auch gesellschaftlich geprägte Unbewußte im Menschen. Es bestimmt wesentlich die Wahrnehmung, die Interpretation und den Umgang des Individuums mit sich selbst und seiner Mitwelt.

Die Psychoanalyse fragt nach dem „Warum“ und dem „Wozu“ menschlichen Erlebens und Verhaltens. Dabei bleibt sie nicht, wie ihr bisweilen kritisch unterstellt wird, bei der Aufarbeitung der vor allem kindlichen unbewältigten Erlebnisse stehen. Sie untersucht ebenso deren bedeutsame Bezüge in den gesamten lebensgeschichtlichen und auch aktuellen Erfahrungen und ihre Auswirkungen auf die Zukunftsgestaltung. Sie sensibilisiert den Menschen dafür, in einer „unendlichen Analyse“ das heißt, einem fortwährenden Fragen und Nachdenken, dem Sinn und der Bedeutung seines Handelns und Lebens forschend auf die Spur zu kommen.

Insofern ist die Psychoanalyse eine Form der unaufhörlichen Wahrheitssuche, wie Freud es formulierte. Heute sprechen wir eher von einem fortwährenden Bemühen um Erkenntnis und einem nicht endenden Fragen nach dem Sinngehalt von Erleben und Verhalten. Darin liegt die emanzipatorische Funktion der Psychoanalyse.

Indem sie sich bemüht, individuelle und kollektive Selbsttäuschungen, Täuschungen, Illusionen und Wahrnehmungsverzerrungen aufzudecken, hilft sie den Menschen, Berührung mit ihren Tiefen und Untiefen zu finden. Sie ist in diesem Sinne auch ruhestörend und unbequem. Sie muß deshalb immer mit Widerständen und Ablehnung rechnen. Sie sind jedoch zunächst einmal als individuelle oder kollektive Schutzreaktion anzusehen, da die psychoanalytische Untersuchung nicht darum herumkommt, das immer unvollkommene, provisorische und labile Gleichgewicht zu erschüttern, das jeder Mensch wie auch die Gesellschaft ständig herzustellen und zu bewahren bemüht ist.

Psychoanalyse als wissenschaftliche Untersuchungsmethode

Das Erkenntnisziel der psychoanalytischen Untersuchung ist das Verstehen vor allem der unbewußten Bedeutungen von emotionalen Erfahrungen, Interaktionen, Gedanken, Reden, Handlungen und bildlichen Vorstellungen (beispielsweise: Träume, Fehlleistungen, Phantasien, Wahnvorstellungen, künstlerische Produkte).

Soweit sie sich in gleicher Weise auf gesellschaftliche Phänomene bezieht (zum Beispiel: kollektive Wertvorstellungen, gesellschaftliche Strömungen, Zeitgeist), ist die Psychoanalyse auch eine Kulturtheorie beziehungsweise kulturkritisch.

Die psychoanalytische Untersuchung besteht in einer besonderen Form der Begegnung zwischen Menschen. Sie ist in erster Linie ein Gespräch, allerdings eines mit bestimmten Spielregeln, das sich von der gewöhnlichen Kommunikation unterscheidet. Durch die psychoanalytische Grundregel wird der Analysand angeregt, alles, was er spürt, was er fühlt und was ihm einfällt – sei es ihm auch unangenehm, peinlich oder erscheine es ihm unangemessen und unwichtig – möglichst unausgewählt und unzensiert zu Äußern. Der Psychoanalytiker versucht, diesen freien Assoziationen mit gleichschwebender Aufmerksamkeit zu begegnen; das bedeutet, daß nichts a priori bevorzugt, gewichtet oder bewertet wird. Indem sich der Analytiker so in eine Befindlichkeit größtmöglicher Offenheit seines Fühlens, Denkens und Wissens begibt, bemüht er sich, der unbewußten Aktivität des Analysanden und seiner selbst möglichst freien Raum zu eröffnen. Die Freiheit der Einfälle des Analysanden ist allerdings begrenzt durch die Spannung zwischen vielen Faktoren. Dazu zählen: sein Leidensdruck, seine Wünsche nach Selbstäußerung, sein Bedürfnis nach Selbstverborgenheit, seine Übertragung, sein Widerstand und das Bestreben, sein mühsam errungenes seelisches Gleichgewicht zu bewahren.

So sehr sich ein Analytiker auch bemühen mag, seinem Analysanden mit aufmerksamer Zurückhaltung (Abstinenz) zu begegnen, so unvermeidlich ist es, daß er zum Beispiel durch sein Alter, sein Geschlecht, die Einrichtung seiner Praxis, seine Art zu sprechen und vieles andere mehr seinen Analysanden beeinflußt. Umgekehrt löst jeder Analysand eine Fülle innerer Bewegungen im Analytiker aus. Zu dessen ständiger Aufgabe gehört es deshalb, seine Gegenübertragung, das heißt: seine seelische Reaktion auf die Übertragungsangebote des Patienten, von seiner unausweichlichen eigenen Übertragung auf seine Analysanden zu differenzieren und letztere durch Reflexion so weit wie möglich zu erkennen.

Übertragung ist eine in allen Beziehungen – also auch in allen psychotherapeutischen Beziehungen jeder Therapierichtung – wirksame Erscheinung. Man versteht darunter, daß eine aktuelle Erfahrungssituation unbewußt nach dem Muster einer früheren interpretiert wird. Im pathologischen Fall heißt das, daß ein Patient die Gegenwart entsprechend seiner Vergangenheit mißversteht (Greenson), an die er fixiert ist. Der Analytiker nimmt als Übertragungsleinwand in den Phantasien des Analysanden bestimmte Rollen früherer Beziehungspersonen ein oder repräsentiert Selbst-Anteile des Analysanden. In den Übertragungs-Gegenübertragungs-Szenen zwischen beiden, also den zunächst größtenteils unbewußten wechselseitigen Rollenerwartungen und -zuweisungen, leben alte, vor allem unbewältigte und ungelöste Beziehungskonstellationen wieder auf.

Der spezifischen Beziehung zwischen Analytiker und Analysand wurde im Lauf der Entwicklung der Psychoanalyse immer mehr Bedeutung zuerkannt. In der therapeutischen Praxis kommt das darin zum Ausdruck, daß die Beziehung zwischen beiden als mögliche Ausdrucksgestalt der unbewußten Beziehungskonflikte und -konstellationen des Patienten Berücksichtigung findet. Der hilfreichen Beziehung als therapeutisches Instrument wird immer mehr Bedeutung zuerkannt.

Als Widerstand werden all die unbewußten Kräfte und Abwehrmechanismen bezeichnet, die sich dem Bewußtwerden des Verdrängten entgegenstellen. Die im eben dargestellten Sinne „freien“ Einfälle des Patienten erweisen sich nicht als zufällig, sondern zeigen die „determinierende Ordnung“ des Unbewußten auf. „Determinismus“ bedeutet in psychoanalytischer Sichtweise, daß „alles seinen Sinn hat“ und die psychische Gegenwart von der individuellen und kollektiven Erfahrungsvergangenheit mitgeprägt wird. Dementsprechend besteht die Aufgabe der Psychoanalyse darin, im „Kampf um die Erinnerung“ (Alexander Mitscherlich) gegen unbewußte Widerstände die unbewußten lebensgeschichtlichen Sinn- und Bedeutungszusammenhänge im aktuellen Erleben und Verhalten erkennbar zu machen, zu rekonstruieren und zu deuten. Als Erlebens-, Denk- und Sprechgemeinschaft stellt ein psychoanalytischer Prozeß wesentlich einen Versuch der Wahrnehmungserweiterung und Wahrnehmungsveränderung dar.

Das wichtigste Instrument der psychoanalytischen Untersuchung ist der aufmerksam-beteiligte Psychoanalytiker selbst in seiner Zurückhaltung und einem produktiven Zugang zu seinem Vorbewußten und Unbewußten. Neben einer langjährigen theoretischen und praktischen Weiterbildung hat er vor allem eine mehrjährige persönliche Lehranalyse absolviert, um sich auf diese Aufgabe vorzubereiten. Der Analytiker versucht, die Phänomene, mit denen er umgeht, möglichst offen empathisch aufzunehmen, sie identifikatorisch nachzuerleben und durch verstehende Reflexion auch gedanklich einzuordnen.

In den Träumen, Fehlleistungen, Symptomen und anderen seelischen Produktionen der Menschen und in den Einfällen des Analysanden begegnen dem Analytiker die unbewußten Inhalte vorwiegend in verzerrter,verschobener und verdichteter Form, in symbolischer Darstellung. Sie bedürfen also einer Interpretation. In ähnlicher Weise wie den freien Assoziationen der Patienten wendet sich die psychoanalytische Untersuchung auch der tiefenpsychologischen Interpretation von Dichtungen, religiösen oder mythologischen Schöpfungen und anderen kollektiven und gesellschaftlichen Phänomenen zu.

Schließlich macht sich die Psychoanalyse seit ihren Anfängen als Wissenschaft fortlaufend selbst zum Gegenstand ihrer Analyse (beispielsweise in der Theoriebildung oder bezüglich behandlungstechnischer Weiterentwicklungen). Dazu setzt sie neben ihrem eigenen Untersuchungsinstrument auch andere, zum Beispiel empirische Methoden ein, ohne sich allerdings dem wissenschaftlichen Zeitgeist der Quantifizierbarkeit völlig zu unterwerfen. Mittlerweile liegen eine Fülle von empirisch-wissenschaftlichen Belegen für die Bedeutsamkeit bestimmter psychoanalytischer Konzepte und die Effizienz psychoanalytischer Behandlungen vor.

Die Metapsychologie der Psychoanalyse

Die psychoanalytische Theorie ist ein komplexes System von Hypothesen über die Funktionsweisen und die Entwicklung der Seele. Dabei geht es zwar stets um den einzelnen, jedoch immer in seinem sozialen Kontext. Da sich unbewußte Inhalte wie auch andere seelische Phänomene in der Regel nicht direkt beobachten lassen, sind Modellvorstellungen und hypothetische Konstrukte unumgängliche Voraussetzungen und Hilfsinstrumente für das Erfassen seelischer Wirklichkeiten. Durch ständige Wechselwirkungen mit klinischen Erfahrungen und unter Einbeziehung der Forschungsergebnisse von Nachbardisziplinen (zum Beispiel: Bindungstheorie, Familientherapie, Hirnforschung, Konstruktivismus, Neurobiologie, Säuglingsforschung) entwickeln sich die Denkmodelle der Psychoanalyse ununterbrochen weiter. So ist die psychoanalytische Metapsychologie als Gesamtheit der theoretischen Vorstellungen kein in sich geschlossenes System. Zudem wird das Menschenbild und die „Weltanschauung“ der Psychoanalyse nocheinmal durch die individuellen anthropologischen Grundannahmen jedes einzelnen Psychoanalytikers modifiziert. Deswegen ist es eigentlich auch unmöglich, von „der Psychoanalyse“ zu sprechen. Der amerikanische Psychoanalytiker Pine hat kürzlich „vier Psychologien der Psychoanalyse“ unterschieden: die Trieb-Psychologie, die Ich-Psychologie, die Selbst-Psychologie und die Objektbeziehungs-Psychologie. Sie lassen sich nicht bruchlos miteinander vermitteln; als Gesamt stellen sie jedoch die zur Zeit bedeutsamsten psychoanalytischen Zugangswege zum seelischen Geschehen dar.

Im folgenden geben wir einen knappen historischen Überblick über verschiedene Modellvorstellungen der Psychoanalyse:

In einem ersten räumlichen, „topischen“ Vorstellungsmodell unterschied Freud zwischen Bewußtem, Vorbewußtem und Unbewußtem. Während das Vorbewußte (das Unbemerkte, das Automatische und das latent Bewußte) relativ leicht dem Bewußtsein zugänglich werden kann, setzt das eigentliche oder dynamisch Unbewußte dem Bewußtwerden Widerstand entgegen. Die Funktionsweisen des Unbewußten werden als primärprozeßhaft bezeichnet. Damit ist gemeint, daß die gewöhnlich gültigen Orientierungen in Raum und Zeit entfallen, Widersprüche unvermittelt nebeneinander existieren können, Teile für das Ganze stehen können, Verschiebungen vorkommen oder Komplexe verdichtet werden können. Jede rationale Logik ist ausgeschaltet. Träume werden zum Beispiel mittels solcher primärprozeßhafter Denkvorgänge gestaltet. Das Unbewußte ist – wenn überhaupt – immer nur in sehr eng begrenztem Ausmaß bewußt zu machen, wirkt sich jedoch gravierend auf das Verhalten und Erleben und die Beziehungsgestaltung des Subjekts aus.

Das dynamische oder ökonomische Modell erfaßt, daß im Seelenleben Kräfte und Antriebe am Werk sind (Bedürfnisse, Wünsche, Affekte, Empfindungen, Energien, Impulse), die bestimmten Gesetzmäßigkeiten unterliegen. Es betont vor allem die Prägung des Erlebens und Verhaltens durch Triebe oder Motivationssysteme (zum Beispiel Sexualität, Aggression, Narzißmus). Freud stellte das Lustprinzip (Streben nach Lust und Vermeiden von Unlust) dem Realitätsprinzip (Fähigkeit zum Aufschub von Befriedigung und Verzicht) gegenüber. Die moderne Ich-Psychologie hat daneben das Sicherheitsprinzip (Streben nach Sicherheit und Wohlbefinden im narzißtischen Gleichgewicht) und die intersubjektive Theorie (Benjamin) das Prinzip wechselseitiger Spiegelung und Anerkennung als grundlegende Regulationsprinzipien psychischen Geschehens herausgestellt.

Im Struktur- oder Instanzenmodell werden drei seelische Bereiche voneinander abgegrenzt und in ihrer dynamischen Interaktion untersucht: das Ich, das Es und das Über-Ich (mit dem Ich-Ideal). Das von der Ich-Psychologie differenziert erforschte und beschriebene Ich dient mit seinen Regulations-, Bewältigungs-, Anpassungs- und Abwehrmechanismen der Organisation, Steuerung, Kontrolle und der Vermittlung und Koordinierung der Instanzen (innere Realität) mit der Mitwelt (äußere Realität).

Im Es werden neben angeborenen Anteilen insbesondere die Triebe, Bedürfnisse und Grundaffekte und das aus dem Bewußtsein Verdrängte lokalisiert. Das Es wird bisweilen mit dem Unbewußten gleichgesetzt.

Das Über-Ich umfaßt vor allem die während der Entwicklung verinnerlichten moralischen Forderungen, Vorschriften und Verbote der Mitwelt, während im Ich-Ideal die Gebote, Ideal- und Wertvorstellungen angesiedelt werden. Das Über-Ich hat unter anderem die Funktionen des Gewissens und der Selbstbeobachtung (Freud), wirkt ich-unterstützend und haltgebend, aber auch als Richter, Kritiker und Zensor. Sowohl das Ich als auch das Über-Ich bestehen zum Teil aus unbewußten Bereichen.

Unter genetischer Betrachtung (als Entwicklungspsychologie) untersucht die Psychoanalyse, wie in den verschiedenen Entwicklungsabschnitten (zum Beispiel vorgeburtliche Zeit, Geburt, Säuglingszeit, Frühkindheit, Kindheit, Latenzzeit, Pubertät, Adoleszenz, Erwachsenenalter, Alter) in den Selbst- und Objektbeziehungen phasenspezifische psychosoziale Entwicklungsherausforderungen und Krisen durchlebt werden. Sie führen je nach ihrem geglückten oder mißglückten Verlauf, ihren gelingenden oder mißlingenden Lösungsversuchen und Lösungen zu bestimmten Identitätsdimensionen (Erikson), zur Ich-Reife oder zu seelischen Erkrankungen. Entwicklung ist für die Psychoanalyse seit Freud immer lebensgeschichtliche Einigung zwischen „innerer“ (biologischer) und „äußerer“ (gesellschaftlicher und kultureller) Natur im Sinne einer Ergänzungsreihe. Das Zusammenwirken angeborener Anteile und einer resonanten (antwortenden) beziehungsweise einer nicht resonanten Mitwelt kann das gegebene Potential eines Individuums entweder zu seiner Entfaltung fördern oder in Richtung einer seelischen Erkrankung stören.

Liegt das Schwergewicht auf der Untersuchung des intersubjektiven Geschehens zwischen dem Selbst und seinen Objekten (darunter versteht die Psychoanalyse die bedeutsamen Gegenüber des Subjekts) im Rahmen von Entwicklung, Psychodynamik oder seelischer Erkrankung und Behandlung, werden die Objektbeziehungs-Psychologie oder die interpersonelle Psychoanalyse bedeutungsvoll. Sie wurzeln in der Grundannahme, daß das psychische Leben wesentlich auf der Verinnerlichung von Erfahrungen und Szenen beruht, die das Subjekt von Beginn an in Verbindung mit seinen bedeutsamen Objekten macht. Die Wahrnehmung und Wirkung äußerer Erfahrungen ist von Anfang an verschränkt mit dem inneren Erleben (Stimmungen, Gefühle, frühe Phantasien).

Soweit sich die psychoanalytische Perspektive mehr auf die Entwicklung des eigenen Selbst konzentriert, bekommen die Theorie des Narzißmus oder die Selbst-Psychologie grundlegende Wichtigkeit. Die Selbst-Psychologie räumt dem Narzißmus eine eigene bedeutsame Entwicklungslinie ein. Als reifere Ausdrucksformen des gesunden Narzißmus gelten zum Beispiel Wissen, Humor und Kreativität. Allerdings wird auch von der Selbst-Psychologie das Subjekt immer in Beziehung zu seinen Selbst-Objekten und Objekten betrachtet.

Sowohl in der Selbst-Psychologie als auch in der Objektbeziehungs-Psychologie sind die emotionale Einfühlung in den Patienten und die personale Resonanz des Psychotherapeuten, das „Prinzip Antwort“ (Heigl-Evers u. Heigl), besonders wichtig für die Behandlungstechnik. Die Objektbeziehungs-Psychologie und die Selbst-Psychologie erfahren gegenwärtig auch im Kontext des Perspektivenwechsels hin zur frühkindlichen, sogenannten präödipalen Entwicklung in der psychoanalytischen Forschung und Theoriebildung gesteigertes Interesse.

In der modernen Psychoanalyse setzt sich zunehmend die Vorstellung einer unauflösbaren Verschränkung zwischen der intrasubjektiven und der intersubjektiven seelischen Entwicklung und Dynamik durch.

Zur Krankheitslehre der Psychoanalyse

Vorstellungen über seelisches Kranksein stehen immer in einem Bezug zu den Annahmen über seelische Gesundheit. Die Psychoanalyse sieht den lebendigen und gesunden Menschen als ein Wesen im Widerspruch an, von Geburt an ständig mit dem Bewältigen und Meistern von Entwicklungsherausforderungen und Konflikten befaßt. Er sucht nach Antworten auf seine Fragen und Lösungen für seine Zweifel, ist aber auch in der Lage, zu ertragen, daß manche Fragestellungen offen bleiben müssen, bestimmte Widersprüche nicht auflösbar sind und Paradoxien zum Lebendigsein gehören, ohne darüber in Gleichgültigkeit, Fatalismus oder Zynismus zu verfallen. Erst „am Ende aller Fragen“ stellt er sich auf eine Seite und ist somit einigermaßen gefeit dagegen, eine Lösung seiner inneren Spannungen darin zu suchen, Einseitigkeiten auf andere zu projizieren und an ihnen zu bekämpfen. Aufgrund seiner Fähigkeit, mit Toleranz auch Ambivalenzen auszuhalten, ist er zudem in der Lage, beherzt gewisse Risiken einzugehen, und er wird fähig zu Kompromissen. Er vermag seine innere Widersprüchlichkeit als positiven Anreiz zur Weiterentwicklung zu verstehen.

Die Psychoanalyse geht davon aus, daß jede psychische und jede psychosomatische Erkrankung einen verborgenen Sinngehalt hat, daß auch das krankhaft eingeschränkte Erleben und Verhalten als innere Kompromißbildung auf dem Hintergrund der lebensgeschichtlichen Erfahrungsvergangenheit des Patienten seine Bedeutung und Funktion hat. Als Konfliktpsychologie betrachtet die Psychoanalyse seelische Krankheiten oder Symptombildungen als Lösungsversuche („Notlösungen“) für Krisen und Konflikte oder gar Traumatisierungen, die zu einem bestimmten Lebenszeitpunkt nicht anders zu bewältigen waren. Seelische Krankheiten sind in dieser Bewältigungsaufgabe, bisweilen ihrer Überlebensfunktion, oft bewundernswerte kreative Ich-Leistungen. Sie können jedoch zu einem anderen Lebenszeitpunkt anachronistisch und dysfunktional werden, das heißt, ihre ursprüngliche Bestimmung als Lösungs- und Bewältigungsversuch nicht mehr erfüllen und somit Leidensdruck hervorrufen. Das neurotische Verhalten ist vielleicht vergleichbar einem Soldaten, der noch Jahre oder Jahrzehnte nach Kriegsende in seiner Abwehrstellung ausharrt und nach dem Feind Ausschau hält, den es längst nicht mehr gibt. Seelische Erkrankungen und Symptome wurzeln tief in unbewältigten Kindheits- und späteren Lebenskonflikten.

Der Begriff der seelischen „Störung“ wird der sinnhaften Funktionalität und Bearbeitungsleistung, die sich im Symptom oder der Erkrankung zeigt, nicht gerecht. Denn er suggeriert vorrangig die Notwendigkeit einer Beseitigung der Störung, ohne den darin enthaltenen Motivierungen und Bewältigungsversuchen hinreichenden Verständnisraum anzubieten und zu gewähren. Der Respekt und die Achtung vor dem jeweiligen So-Sein des Patienten – und sei es noch so krankhaft eingeschränkt – als prinzipiell sinnhaft vermag dagegen auch seinen Gesundungstendenzen und Selbstheilungskräften hinreichenden Raum anzubieten.

Die gesunde wie die kranke Persönlichkeit läßt sich im Rahmen des Strukturmodells durch das funktionale Verhältnis zwischen Ich, Es und Über-Ich und deren Beziehung zur Mitwelt näher bestimmen. Fehl- und Mangelentwicklungen des Ich (Ich-Defekte und Ich-Defizite) und krankheitsbedingte unnötige Energieverschwendungen behindern, ja verhindern seine Kontroll- und Steuerungsaufgaben. Die Hemmung bestimmter Ich-Funktionen (zum Beispiel Realitätsprüfung, Triebregulation, Kompromißbildung) beziehungsweise im anderen Fall ihr unangemessenes Tätigwerden führen zu Selbsttäuschungen und Selbstbehinderungen, ja sie können sogar Krankheiten und Selbstbeschädigungen nach sich ziehen. Die Psychoanalyse geht von einem fließenden Übergang aus, angefangen bei der Meisterung und Bewältigung mit Hilfe der Ich-Funktionen, über eine Lösung vermittels autoplastischer oder alloplastischer Anpassung hin zur Abwehrfunktion der Ich-Leistungen, die sich bei einer Fixierung zu seelischen Krankheiten verdichten können.

Während Freud im „klassischen“ Ödipuskomplex (ca. 3. bis 5. Lebensjahr) den Kern der Neurosenentwicklung ansiedelte, sucht die moderne psychoanalytische Forschung nach den Anteilen, die jede Phase der seelischen Entwicklung mit ihren spezifischen Krisen, Konflikten und Lösungsversuchen am Zustandekommen seelischer Erkrankungen hat. Dabei hat sich der Forschungsschwerpunkt immer mehr auf die realen Frühbeziehungen des Kindes zu seiner Mutter, seinem Vater und anderen Menschen und auf die frühen inneren Objekte verlagert. Damit wurden neben den klassischen Neurosen (zum Beispiel Hysterie, Zwangsneurose, Phobie) auch lebensgeschichtlich früher begründete Erkrankungen wie Psychosen, Narzißtische Störungen, Borderline-Erkrankungen, schwere Persönlichkeitsstörungen und Psychosomatosen einer psychoanalytischen Behandlung zugänglich.

Psychoanalyse als Psychotherapie

Die Aktualität und Bedeutsamkeit der Psychoanalyse als Form der Psychotherapie ergibt sich vor allem aus ihrer hochdifferenzierten und umfassenden Entwicklungs- und Persönlichkeitstheorie und ihrer Krankheitslehre. Kein Psychoanalytiker erhebt den Anspruch, eine Psychotherapie für alle psychischen oder psychosomatischen Erkrankungen anbieten zu können. Auch mit dem Begriff „Heilung“ geht der Psychoanalytiker außerordentlich behutsam um. Die Psychoanalyse beansprucht allerdings, einen grundlegenden Beitrag zum Verständnis seelischer Krankheiten und deren Behandlung auch durch andere Psychotherapieverfahren, zum Beispiel als psychoanalytische Supervision in klinischen Einrichtungen, leisten zu können.

Einer psychoanalytischen Therapie voraus gehen ein oder mehrere Vorgespräche, sogenannte klinische Erstinterviews. Sie unterscheiden sich von einer medizinischen Anamnese oder psychiatrischen Exploration durch eine absichtsvolle Unstrukturiertheit, die der Entfaltung der psychischen Dynamik des Patienten in der Analysand-Analytiker-Beziehung möglichst großen und freien Spielraum anzubieten versucht. Die Aufmerksamkeit des Psychoanalytikers stellt sich grundsätzlich nicht in erster Linie auf „objektive“ Fakten ein, sondern auf die subjektive Bedeutung, die das mit Worten oder mit körperlichen oder gestischen Äußerungen zur Sprache Gebrachte oder das Verschwiegene für die seelische Wirklichkeit besitzt. Die Erstgespräche dienen zum einen der Diagnose und Indikationsstellung, zum Beispiel für die Finanzierung durch eine Krankenkasse. Sie führen andererseits aber auch zu einer „subjektiven“ Indikation, mit anderen Worten zur Beantwortung der Frage, ob ein bestimmter Patient oder eine bestimmte Patientin mit einem bestimmten Analytiker oder einer bestimmten Analytikerin in einen produktiven therapeutischen Bearbeitungs- und Veränderungsprozeß einzutreten vermag.

Neben der klassischen Psychoanalyse (mehrstündig pro Woche unter Verwendung der Couch) umfaßt das psychoanalytische Behandlungsangebot im ambulanten Rahmen verschiedene Modifikationen. Die psychoanalytische und die psychoanalytisch begründete Psychotherapie sind durch Veränderungen des „Settings“ (zum Beispiel niedrigere Frequenz der Sitzungen, Gegenübersitzen) und methodische Modifikationen charakterisiert. Die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie als psychoanalytisch begründetes Behandlungsverfahren ist eine auf der Psychoanalyse aufbauende, auf bestimmte Konfliktthemen beschränkte und zeitlich begrenzte Therapieform. Sie kann deswegen in qualifiziertester Weise von Psychoanalytikern ausgeübt werden. In den psychoanalytischen Kurz- oder Fokaltherapien werden bestimmte Brennpunkte oder Kernkonflikte einer zeitlich und inhaltlich konzentrierten psychotherapeutischen Bearbeitung unterzogen. Die Behandlung von Paaren erfolgt in der psychoanalytischen Paartherapie, die Therapie von Gruppen in der psychoanalytischen Gruppenpsychotherapie und die von Familien in psychoanalytisch orientierter Familientherapie. Auch für ältere Menschen sind mittlerweile psychoanalytische Behandlungskonzeptionen entwickelt worden. Schließlich werden psychoanalytische Behandlungstechniken auch im stationären Rahmen verwendet.

Jede psychoanalytische Situation ist durch ein bestimmtes Settinggeprägt. Bei der „klassischen“ Psychoanalyse liegt der Analysand möglichst entspannt auf der Couch, der Analytiker sitzt für ihn nicht sichtbar hinter ihm. Diese Anordnung kann das freie Aufsteigen von Einfällen erleichtern, denen der Analytiker mit gleichschwebender Aufmerksamkeit und dem „Hören mit dem dritten Ohr“ (Reik) zu folgen versucht. Für andere Patienten ist es in ihrem Behandlungsprozeß notwendig, dem Psychoanalytiker gegenüber zu sitzen, Blickkontakt mit ihm haben zu können und dadurch hinreichende Sicherheit zu erhalten, sich ihren beängstigenden Gefühlen und Gedanken aussetzen zu können.

Als bedeutsame Voraussetzung einer möglichst freien Entfaltung der Psychodynamik des Patienten betrachtet die Psychoanalyse neben der aufmerksamen Präsenz und Wachheit des Analytikers die weitgehende „Unbeschriebenheit“ seiner persönlichen Realität, seiner Einstellungen, Meinungen und Überzeugungen (Abstinenz, technische Neutralität). Sie soll den Patienten vor bewußten und unbewußten Übergriffen des Analytikers bewahren. Allerdings stellen allein schon Geschlecht, Alter, Sprache, Kleidung, Praxiseinrichtung für jeden Patienten Schlüsselreize dar, so daß eine Anonymität oder vollkommene Neutralität nicht möglich ist. Sie wäre auch therapeutisch nicht sinnvoll, da der Analytiker sonst auch in der Gefahr stünde, zu einer „sprechenden Attrappe“ (Moser) zu degenerieren. Die weitgehende Zurückhaltung des Analytikers, seine Abstinenz, soll den Raum und den Weg dafür öffnen, daß sich in die so relativ undefinierte Beziehung zwischen ihm und seinem Patienten unbewußte Erfahrungs-, Verhaltens- und Konfliktmuster einschleichen können (Übertragung). Dadurch wird es möglich, in der lebendigen Gegenwart der psychoanalytischen Situation bis dahin unzugängliche Konfliktzusammenhänge als gefühlshaftes Erlebnis aufkommen zu lassen, so daß Erkenntnisse sich nicht nur als intellektuelles oder rationales Wissen entfalten. Der psychoanalytische Prozeß, der in einer ständigen Spiralbewegung den Kreis von Wiederholen, Erinnern und Durcharbeiten durchläuft, vermag auf diese Weise auch dauerhafte Einsichten zu begünstigen.

Übertragung, Abwehr (Widerstände) und auch Agieren werden heute nicht mehr wie anfänglich einfach als Störvariablen einer Psychotherapie betrachtet, sondern als wichtige wirksame und kommunikative Bestandteile der Behandlung. Die psychoanalytische Situation wird immer deutlicher als ein Prozeß des „gegenseitigen“ Austauschs zwischen Analytiker und Patient angesehen. Darin spielt die Person des Analytikers als aufmerksam-beteiligtes und reflektierendes Untersuchungsinstrument mit seiner Gegenübertragung und seinen eigenen Übertragungen auf den Patienten sowie deren Auflösung durch Selbstanalyse eine immer wichtigere Rolle.

Die methodischen Arbeitsinstrumente des Analytikers sind, neben seiner „empathischen Resonanz“ und seiner partiellen Übernahme unbewußter Rollenangebote des Analysanden, die Reflexion über die Prozesse, die sich im Hier und Jetzt der Beziehung entfalten, seine Klarifizierungen (erklärende Beschreibungen) und Rekonstruktionen, sein bedacht eingesetztes Schweigen und vor allem seine Deutungen, mit denen er auf das szenische Wiederholen und Erinnern antwortet. Mit all dem sucht er den Prozeß des Durcharbeitens von Einsichten zu entwickeln und zu fördern.

Eine psychoanalytische Behandlung ist ein aufwendiges und herausforderndes psychotherapeutisches Verfahren, das sich im Einzelfall über Jahre erstrecken kann. Es behandelt ja auch krankhafte Strukturen, die sich in Jahren und oft Jahrzehnten gebildet haben und deswegen auch jeweils ihrer eigenen Zeit zur Veränderung bedürfen. Die aktuelle Diskussion um eine grundsätzliche Verkürzung psychotherapeutischer Verfahren scheint dem Verständnis der oft langfristigen Entwicklungsgeschichte seelischer Erkrankungen nicht gerecht zu werden. Wenn ausschließlich die kurzfristige Effizienz des psychotherapeutischen Verfahrens in den Vordergrund gestellt wird, steht dahinter möglicherweise die unbewußte Phantasie von einer weitgehenden therapeutischen Verfügungsmacht über die Patienten und einer psychotechnischen Machbarkeit seelischer Veränderungsprozesse. Solchen Größenphantasien stellt sich die Psychoanalyse ausdrücklich entgegen.

Der psychoanalytische Prozeß als Gemeinsamkeit des Fragens und Suchens nach mehr „Wahrheit“ ist in erster Linie ein Vorgang der Selbsterfahrung, Selbstreflexion und Selbstfindung des Analysanden. In einer psychoanalytischen Behandlung wird der Patient als aktiver Mitarbeiter und gestaltendes Subjekt seines eigenen Prozesses verstanden und nicht als „Objekt“ der therapeutischen Bemühungen des Analytikers. In diesem Sinne ist eine Psychoanalyse „absichtslos“.

Durch eine Nachreifung in den Selbst- und Objektbeziehungen während einer psychoanalytischen Behandlung wird die Befreiung zu einer größeren Arbeits-, Genuß- und Liebesfähigkeit (Freud) durch Veränderungen der Persönlichkeitsstruktur angestrebt. Aber die Psychoanalyse will den Menschen nicht zu einem bestimmten Verhalten bewegen oder erziehen, und es ist auch nicht ihr vorrangiges Anliegen, Symptome zu beseitigen. Insofern sprechen wir von der Tendenzlosigkeit der Psychoanalyse. Eine Veränderung der Symptomatik ergibt sich natürlich häufig infolge des analytischen Prozesses. Die Psychoanalyse will dem Analysanden dabei behilflich sein, immer mehr er selbst zu werden, mit anderen Worten, den Freiheitsspielraum seines Handelns zu erweitern. Sie strebt eine Erziehung zur Realität (Freud) an, ohne den Möglichkeitsraum der Phantasie, des Spielens und der Entwürfe in ein „Jenseits des Realitätsprinzips“ allzusehr einzuschränken. Vielleicht ist es erstrebenswert, wenn jeder Psychoanalytiker auch ein wenig von dem Schicksal des Moses teilen könnte, der Freud so imponierte. Moses konnte sein Volk nur bis an den Rand des gelobten Landes führen. Es mußte dann der Entscheidung des Volkes überlassen bleiben, ob es in das Land gehen wird, wo Milch und Honig fließen, ob es Schwerter zu Pflugscharen umzuschmieden beginnt oder ob es den Tanz ums goldene Kalb wieder aufnehmen will. Dadurch, daß der Analysand sein eigenes Leben aktiver in die Hand nimmt, zur Autorenschaft und größeren Selbstbestimmtheit für sein Handeln befähigt wird, kann er auch mehr Selbstverantwortung übernehmen. Freud vertrat wohl zu Recht die Auffassung, daß es in einer Psychoanalyse unter anderem darum gehe, sich mit individuellen seelischen Beschädigungen auseinanderzusetzen und sie zu betrauern, „neurotisches Elend in allgemeines Leiden“ zu verwandeln. Zu einer gelingenden Psychoanalyse gehört dann auch die Befreiung der Fähigkeit zu trauern (Alexander und Margarete Mitscherlich) und zu leiden und die Befähigung zur Angst- und Depressionstoleranz (Zetzel). Psychische Gesundung umfaßt sowohl das passive Annehmen des Unvermeidlichen und Unveränderbaren als auch den Versuch aktiver Meisterung des Veränderlichen. Der Nachreifungsprozeß im Rahmen einer Psychoanalyse kann auf diese Weise zu einem veränderten und sich ständig wandelnden seelischen Gleichgewicht führen, zu flexibleren und produktiveren Kompromißbildungen, die wir „Gesundheit“ nennen (Muck).