Psychoanalytische Gedanken zur Sexualität

Vortragsreihe „Geschlecht – Vielfalt – Identität“ der Psychoanalytischen Arbeitsgemeinschaft Köln-Düsseldorf

Psychoanalytische Gedanken zur Sexualität – eine Einführung

Seine Erkenntnisse aus der Behandlung hysterischer Patientinnen führten Sigmund Freud zu der Auffassung, dass sexuelle Faktoren ursächlich für die Entstehung der Neurosen sind. Hier liegen die Anfänge der Psychoanalyse. Sie gewann ihre Tiefendimension mit Freuds Entdeckung der Bedeutung der infantilen Sexualität und unbewusster sexueller Phantasien für die Ätiologie der Neurosen und die Entstehung psychischer Struktur.

1985 konstatiert der schweizer Psychoanalytiker Paul Parin die „Verflüchtigung des Sexuellen aus der Psychoanalyse“ und bezeichnet damit eine weit zurückreichende Tendenz in psychoanalytischer Theorie und Praxis. Seit Parin darauf aufmerksam machte, ist diese Entwicklung vielfach beschrieben oder auch beklagt worden.

Anlässlich des 40-jährigen Jubiläums der Gründung der Psychoanalytischen Arbeitsgemeinschaft Köln/Düsseldorf e. V. wollen wir nicht nur der Entstehung unseres Institutes gedenken, sondern mit der Vortragsreihe „Geschlecht – Vielfalt – Identität“ auch dieser Verflüchtigung entgegenwirken und an die Entstehung der Psychoanalyse aus Sigmund Freuds Entdeckung der Bedeutung des Sexuellen erinnern.

Für den Vorstand der Arbeitsgemeinschaft J. v. Steimker, Leiterin

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Schuld und Schulden. Geld, Geschlecht und Glauben.

Christina von Braun, 24.01.2014

Die Übereinstimmung vieler ökonomischer und religiöser Begriffe ist kein Zufall. Zu den verschiedenen Formen der Gelddeckung gehört auch eine sakrale, die sich aus dem antiken Opferkult ableitet und für die Geschichte des Geldes von ebenso eminenter wie verdrängter Bedeutung blieb.

Der Vortrag zeigt die geschlechtlichen Dimensionen eines bis heute bestehenden Appells an die sakrale Beglaubigung des Geldes. Der weibliche wie der männliche Körper haben den Preis dafür zu erbringen, dass das Geld seine Glaubwürdigkeit bewahrt: in Form domestizierter Sexualität – ein Faktor, der in den sakralen Opferkulten von Anfang an enthalten war. Wird dieser Preis umgangen, verliert das Geld seine Deckung. Zugleich wird gezeigt, dass das christliche Verständnis von Schuld und Erlösung erheblich dazu beitrug, dass dieser Kulturraum zum idealen Terrain für die Entwicklung der modernen Geldwirtschaft wurde.

In diesem Vortrag, der anthropologische, historische, schrifttheoretische und religionswissenschaftliche Forschungsergebnisse einbezieht, verbindet die Autorin die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte des Geldes mit aktuellen finanz-, wirtschafts- und sozialpolitischen Phänomenen: Im Geld ist ein kulturelles Gedächtnis von ‚longue durée‘ verankert.

Zur Referentin

Christina von Braun, Prof. Dr. phil., Kulturtheoretikerin, Autorin und Filmemacherin. In Rom geboren. Studium in den USA und Deutschland. Von l969 bis l98l in Paris, dann in Bonn tätig als freischaffende Autorin und Filmemacherin. Seit 1994 Professorin für Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin. 1996-2003 Gründerin und Leiterin des Studiengangs Gender Studies an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit 2008 Vizepräsidentin des Goethe-Instituts. Seit 2012 Sprecherin des ‚Zentrums Jüdische Studien Berlin-Brandenburg‘. Ca. fünfzig Filmdokumentationen und Fernsehspiele zu kulturgeschichtlichen Themen. Zahlreiche Bücher und Aufsätze über das Wechselverhältnis von Geistesgeschichte und Geschlechterrollen. Forschungsschwerpunkte: Gender, Religion und Moderne, Geschichte der Schrift.

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Sexuelles in Übertragung und Gegenübertragung

Sophinette Becker, 21.03.2014

Die „Verflüchtigung des Sexuellen aus der Psychoanalyse“ (Parin) erschwert nicht nur das Sprechen über die manifeste Sexualität der PatientInnen in der Therapie, sondern überhaupt den Umgang mit Sexuellem in Übertragung und Gegenübertragung.

Jede Therapie ist aber (immer auch) eine erotische/sexuelle Beziehung (David Mann).

Der Vortrag wird die verschiedenen Facetten, Fallen, Klippen und Chancen dieser Tatsache thematisieren. Dabei wird es u. a. um „Sexualisierung“ vs. „Erotisierung“, um den sexuellen Körper in der Therapie und um geschlechtsspezifische Aspekte erotischen/sexuellen Erlebens in Übertragung und Gegenübertragung gehen.

Zur Referentin

Dr. phil. Sophinette Becker, psychoanalytische Psychotherapeutin, Sexualwissenschaftlerin, Dozentin und Supervisorin der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung, bis 2011 Leiterin der Sexualmedizinischen Ambulanz an der Uniklinik Frankfurt a.M., jetzt in freier Praxis tätig. Forschungsschwerpunkte: Männliche und weibliche Entwicklung, Geschlecht und Geschlechtsidentität, Störungen der Geschlechtsidentität (Transsexualität), Perversionen bei Männern und Frauen, sexuelle Verhältnisse im gesellschaftlichen Wandel. Zahlreiche Veröffentlichungen zum Thema der Sexualität.

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Alle sind normal. Nur ich nicht. Die Angst vor dem ungedachten Sexuellen in uns selbst.

Elisabeth Imhorst, 22.08.2014

Normal ist Fluch und Segen zugleich. Es ist noch nicht lange her, dass männliche und weibliche Rollen und Selbstbilder klar bestimmt schienen und Heterosexualität die Norm war. Das war einengend, aber auch Halt gebend.

Wenn heute jede_r frei ist zu entscheiden, wie er oder sie als Mann oder Frau leben will, ist das vielfach ein großer Gewinn. Aber diese Wahlfreiheit macht Menschen auch Angst, zumal sie keine freie Wahl ist, eher eine psychische Arbeitsanforderung, mit den ins Bewusstsein drängenden rätselhaften, erregenden Botschaften fertig zu werden.

Das geht mit spezifischen Konflikten einher. Sie zu verstehen, gelingt eher, wenn der Analytiker sich seiner eigenen, notwendig fragilen sexuellen Identität bewusst ist. Denn: Identitätsthemen sind immer für beide Partner des analytischen Paares heikel.

Zur Referentin

Dr. phil. Dipl.-Psych. Elisabeth Imhorst. Studium der Psychologie in Köln und Nijmegen (NL). Seit 30 Jahren in eigener Praxis tätig. Daneben konsiliarische Tätigkeit am Krankenhaus Porz am Rhein; Arbeit als Lehrtherapeutin, Supervisorin und Dozentin; Lehraufträge an der FH Köln und Dozentenstelle am Department für Psychologie der Universität zu Köln (Lehrkraft für besondere Aufgaben, Schwerpunkt Tiefenpsychologie). Psychoanalytikerin und Lehranalytikerin DPV/IPV, Psychoanalytische Arbeitsgemeinschaft Köln-Düsseldorf. Seit jeher besonderes Interesse den Fragen sexueller Entwicklung. Promotion über verheiratete homosexuelle Männer. Veröffentlichungen zu Themen sexueller Identität.

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Die Welt ist nicht schwarz-weiß, sondern bunt. Psychoanalyse und Geschlechtervielfalt.

Hertha Richter-Appelt, 07.11.2014

Nicht immer lässt sich gleich nach der Geburt das Geschlecht eines Kindes feststellen, wenn ein nicht eindeutiges Genitale als Folge einer Störung der Geschlechtsentwicklung, auch Intersexualität genannt, vorliegt.

In der Vergangenheit musste das Geschlecht des Kindes jedoch unmittelbar nach der Geburt entweder als männlich oder weiblich im Personenstandsregister eingetragen werden. Kinder mit nicht-eindeutigem Genitale wurden einem Geschlecht zugeordnet und entsprechend erzogen bzw. körperlich einem Geschlecht angepasst.

Dies hat oft zu Problemen mit der körperlichen Anpassung und in der psychosexuellen Entwicklung geführt. Ab dem 1. November 2013 schreibt ein neues Gesetz daher vor, im Falle eines nichteindeutigen Genitales bei der Geburt weder männlich noch weiblich einzutragen.

Der Vortrag wird folgende Fragen erörtern: Welche Rolle haben psychoanalytische Theorien zur Entwicklung der Geschlechtsidentität bei der Behandlung von Personen mit Inter- und Transsexualität gespielt? Welche Probleme der Geschlechtsidentität treten in der psychoanalytischen Praxis auf und wie soll man damit umgehen? In der Betrachtung von Inter- aber auch von Transsexualität hat ein Paradigmenwechsel stattgefunden, der die Vielfalt von geschlechtlichen Erscheinungsformen betont. Welche Auswirkungen könnte dieser Paradigmenwechsel auf die Theorie der psychosexuellen Entwicklung und die Behandlung von betroffenen Personen haben?

Zur Referentin

Prof. Dr. Hertha Richter-Appelt, Hamburg, stellv. Direktorin des Instituts für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Psychologin, Verhaltenstherapeutin, Psychoanalytikerin (DPV). Langjährige Erfahrung in der psychotherapeutischen Behandlung von Personen mit Geschlechtsidentitätsstörungen, verschiedenen Formen der Intersexualität, Patientinnen mit seltenen genitalen Fehlbildungen sowie mit psychischen Problemen infolge endokriner Erkrankungen. Forschungs- und Publikationstätigkeit zu diesen Krankheitsbildern. Lehrtätigkeit an verschiedenen psychotherapeutischen Ausbildungsinstituten.

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Sexualisierung des Lebens in der virtuellen Welt – Erregung, Abwehr der bedrohlichen „sinnlichen Strömung“ und Selbstvergewisserung in fantastischen Welten

Michael Günter, 16.01.2015

Mediale Bildwelten haben eine früher unvorstellbare Präsenz erhalten. Sie haben sich in unsere Seh-, Denkgewohnheiten eingenistet und prägen die Art und Weise, wie wir uns selbst, vor allem unseren Körper, und die Beziehungen zu anderen erleben und gestalten. Man kann die Präsenz des Sexuellen in den elektronischen Medien unter zwei gegensätzlichen Perspektiven betrachten. Einerseits kommt es andauernd zu einer Irritation, einer Erregung, zum Einbruch eines Fremden, Ordnung in Frage stellenden in die Psyche.

Der daraus entstehende Thrill wird gesucht und macht einen guten Teil der Attraktivität der medialen Bildwelten, ihrer Verführungskraft und ihres Abhängigkeitspotenzials aus. Andererseits strukturieren derartige Bildwelten auch die anarchische infantile Sexualität und fassen sie in Vorstellungen, in denkfähige Piktogramme und Narrative. Sie machen Sexualität konkret fantasierbar und damit denkbar und eröffnen so Wege des psychischen Umgangs mit ihr.

Der Vortrag wird sich vor allem mit der Frage beschäftigen, welche Funktionen der Gebrauch medialer virtueller sexueller Darstellungen im Entwicklungsprozess von Jugendlichen haben kann.

sexualisierung im internet

Zum Referenten

Michael Günter, Prof. Dr. med., Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Facharzt für Psychosomatische Medizin, Psychoanalytiker, Kinder- und Jugendlichenanalytiker und Lehranalytiker (DPV/IPA). Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder-und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Stuttgart. Herausgeber der Zeitschrift Kinderanalyse, Zahlreiche Publikationen. Arbeits- und Forschungsschwerpunkte: Adoleszenz, Bewältigungsprozesse bei Kindern mit schweren chronischen Erkrankungen, Psychosen im Jugendalter, Psychoanalytische Sozialarbeit, Forensische Kinder- und Jugendpsychiatrie.

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gender dysphoria and metaphors

Der Gebrauch von Metaphern beim Verständnis der atypischen Entwicklung der Geschlechtsidentität und ihrer psychosozialen Folgen.

The Use of Metaphors in Understanding Atypical Gender Identity Development and its Psychosocial Impact. – (Vortrag in englischer Sprache)

Domenico Di Ceglie, 20.03.2015

Im Laufe der Jahre hat D. Di Ceglie zahlreiche Metaphern gefunden, die sich im Umgang mit bestimmten Dynamiken in der therapeutischen Arbeit mit jungen Leuten mit Geschlechtsdysphorie sowie im Umgang mit Konflikten in Gruppen und Institutionen im Rahmen des Gender Identity Development Service in London als hilfreich erwiesen haben.

In seinem Vortrag wird er einige dieser Metaphern in Bezug auf die speziellen Probleme oder Konflikte, durch die sie ihm in den Sinn kamen, und auf ihre Nützlichkeit hin beleuchten. Das Auftauchen dieser Metaphern ist mit dem Verlauf der Identitätsentwicklung, besonders der Entwicklung der atypischen Geschlechtsidentität, sowie mit Aspekten, die die Symbolisierung oder das symbolische Denken betreffen, verknüpft.

Klinisches Material, Beobachtungen und Filmausschnitte werden zur Illustration dieser Punkte herangezogen.

Zum Referenten

Domenico Di Ceglie, Psychiater, Direktor des Training Development and Research, Gender Identity Development Service (GIDS) an der Tavistock & Portman NHS Foundation Trust in London. Kinder- und Jugendpsychiater. Von 1989 bis 2009 Direktor und beratender Kinder- und Jugendpsychiater im Adolescent Department, Tavistock Clinic; langjährige Erfahrung in der Arbeit mit Jugendlichen, auch im stationären Setting. 1989 Gründung eines Spezialdienstes für Kinder, Jugendliche und ihre Familien zur Behandlung von Problemen, die Geschlechtsidentität betreffend, am St. George’s Hospital, London (jetzt dem Tavistock & Portman NHS Foundation Trust angeschlossen). Leiter dieser Abteilung bis 2009. Zahlreiche Veröffentlichungen zum Thema der Geschlechtsidentität.

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Veranstaltungsinformationen

Ort:
Psychoanalytische Arbeitsgemeinschaft Köln-Düsseldorf e.V. (1. OG.) Riehler Str. 23, 50668 Köln
Zeit:
20.30 Uhr
Eintritt: 10€
Schüler und Studierende frei.
Anmeldung:
Wir bitten um Anmeldung bis eine Woche vor der jeweiligen Veranstaltung. Für Rückfragen stehen wir gerne zur Verfügung. Anmeldung erbeten bei: Karin Behrendt und Petra Frey Telefon: 0221 / 13 59 01 Fax: 0221 / 13 44 39 oder per Email.

Psychoanalytische Arbeitsgemeinschaft Köln-Düsseldorf

Bild-Quellennachweise

Une leçon clinique à la Salpêtrière“ by André Brouillet – Photo prise dans un couloir de l’université Paris V. Licensed under Public domain via Wikimedia Commons.

Bulle und Bär Frankfurt“ von Eva K.Eva K.. Lizenziert unter CC BY-SA 2.5 über Wikimedia Commons.

Transgender Sign: By User:ParaDox – en:User:ParaDox – de:Benutzer:ParaDox (Own work) [CC-BY-SA-2.5], via Wikimedia Commons

„Rainbow flag and blue skies“ von Ludovic Bertron from New York City, Usa. Lizenziert unter Creative Commons Attribution 2.0 über Wikimedia Commons.

Alle übrigen Aufnahmen sind lizenzfrei oder © 2006-2014 Sönke Behnsen.